Familienbande und andere Verstrickungen
Das literarische Darmstadt im Oktober.
Neue Poetry Slams, wiederzuentdeckende Klassiker und kommende Bestseller – der bunte Blätterherbst bietet für alles etwas:
Mittwoch, 1. Oktober
Der Kroneslam geht, der Kellerslam kommt. Zur Premiere des neuen monatlichen Poetry Slams moderiert Tilman Döring ab 20 Uhr im Schlosskeller unter anderem Anna Stock aus Aschaffenburg und Jan Cönig aus Frankfurt an das für den Wettbewerb bestens geeichte Mikrofon – und vor das gespannte Publikum. Aus dessen Reihen können sich auch Motivierte für die offene Liste melden und spontan mitmachen.
Dienstag, 7. Oktober
„Das violette Hündchen“ huscht durch Leo Tolstois Epos „Krieg und Frieden“ und inspirierte Michael Maar zu einem Buch über die kleinen Details, in dem er mit seinen Streifzügen durch die Literaturgeschichte zu genauer Lektüre einlädt und den Blick auf vermeintliche Beiläufigkeiten lenkt. Erste verborgene Zusammenhänge lüftet der Schriftsteller und Kritiker ab 19 Uhr im Literaturhaus.
Das „Bunkermädchen“ wird in der Nähe des Spitzbunkers auf der Knell tot aufgefunden. Vier Jahrzehnte später nimmt sich Ermittler Horndeich des Cold Case an. Zwanzig Jahre schon lässt Michael Kibler seine Protagonisten in unserer Umgebung ermitteln, bietet Einblicke in die kriminalistische Arbeit auch vor der Haustür und spannende literarische Wandertage. Ob dem Mörder nach so langer Zeit auf die Spur gekommen wird, erfahren wir im Jubiläumskrimi – und bei der Premiere im Spitzbunker am EAD-Gelände Sensfelder Weg 33. Aufgrund der begrenzten Plätze in dem historischen Gebäude wird um Anmeldung in der Thalia-Buchhandlung in der Schuchardstraße 8 gebeten, wo auch der Vorverkauf stattfindet.
Mittwoch, 8. Oktober
„Deutsche Hörer!“ sprach Thomas Mann zwischen 1940 und 1945 unermüdlich ein kriegsbereites und -fähiges Publikum an und versuchte es zur Verweigerung aufzurufen. Die von Amerika aus ausgestrahlten Reden haben die sogenannte Volksgemeinschaft kaum erschüttert, der Nachwelt aber ein Werk hinterlassen, aus dem Rüdiger Michel ab 19 Uhr in der Bücherinsel Dieburg liest.
Donnerstag, 9. Oktober
„80 Jahre Kriegsende“ ist das Thema der Literaturgruppe Poseidon im Literaturhaus. Wie sich Aufbruch und Gedenken zwischen Niederlage und Zeitenwende gestalteten und noch neu gestaltet werden, beschreiben Barbara Zeizinger, Iris Welker-Sturm, Stefan Benz, Frank Schuster, Fritz Deppert, Tom Wolf und Andreas Roß ab 19 Uhr in gelesenen Gedichten, Essays und kurzen Prosastücken.
Ein ganz neuer Dichter- und Dichterinnen-Wettstreit betritt die lokale Bühne: „Stage the Slam!“ heißt es ab 20 Uhr unter der Leitung und Moderation von Emm Weyrauch in der noch recht neuen Eventlocation Stage in Bessungen. Wer sich noch mit den geladenen Gästen wie Lennard Delling aus Wiesbaden oder Thorsten Zeller aus der Wetterau um die Gunst des Publikums in Form der lustigsten, tiefgründigsten, spannendsten oder einfach schönsten Textperfomance duellieren möchte, kann sich per Mail an emm.poesie@gmail.com melden.
Samstag, 11. Oktober
„Im Leben nebenan“ entwickelt sich für die gestresste Toni alles etwas anders: Trautes Glück mit der Jugendliebe auf dem Dorf statt ewige WG mit dem Freund in der Großstadt, Kinderglück und die Schwiegermutter als Nachbarin statt Krach im Altbauhaus. „Was wäre wenn?“, fragt sich auch die Hamburger Autorin Anne Sauer, die ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche aus ihrem Roman über mögliche Biografien liest.
Dienstag, 14. Oktober
„Wenn ich eine Wolke wäre“, imaginierte sich Mascha Kaléko 1956 während ihrer Rückkehr nach Deutschland in eine lyrische, tröstende Alternative. Im Andenken an die Dichterin erinnert Volker Weidermann in seiner neuen Monografie an ihre persönliche Bilanz und ihr spätes Werk. Bei der Vorstellung des Buches des Kritikers und Journalisten ab 19 Uhr im Literaturhaus wird die Schauspielerin Karin Klein ausgewählte Verse vortragen.
Die „Fischtage“ verbringt Ella mit einem besonderen Wasserbewohner. Das sprechende und singende Plastiktier hilft dem Teeniemädchen den Roadtrip durch die Großstadt zu überstehen. Ob auf dem Weg auch das Ziel, den kleinen Bruder wiederzufinden, erreicht wird, verrät uns die auch als vielseitige Musikerin bekannte Charlotte Brandi in ihrem Debütroman, aus dem die Autorin ab 19.30 Uhr beim „Debütant*innenball“ in der Centralstation liest.
Mittwoch, 15. Oktober
„Entwurzelt“ empfindet sich nach wie vor ein Großteil der indischen Bevölkerung seit der Aufteilung der ehemaligen Königreiche und Kolonien. So auch eine bengalische Frau, die versucht, aus sozialen Normen auszubrechen. Unter der Anleitung von Übersetzerin Almuth Degener lesen Mitglieder der Deutsch-Indischen Gesellschaft ab 19 Uhr im Literaturhaus aus dem preisgekrönten Roman von Alka Saraogi und werden dabei tänzerisch von der Kathak-Meisterin Surangama Lala Dasgupta begleitet.
Donnerstag, 16. Oktober
Auf ihrer Flucht vor den Nazis verhalf die Widerstandskämpferin „Lisa Fittko“ vielen anderen Verfolgten – darunter unter anderem Walter Benjamin – zum oft waghalsigen Ausweg ins Exil. Eva Weissweiler stellt ab 19 Uhr im Literaturhaus ihre „Biographie einer Fluchthelferin“ vor.
„Wenn Du es heimlich machen willst, musst Du die Schafe töten“, ist nur eine von vielen familiär überlieferten Regeln, die Alma von ihrer über Generationen vom Landleben geprägten Sippe erfährt. Dass nicht nur überkommene Sitten weitergereicht werden müssen, erzählt Anna Maschik in ihrem Roman, aus dem die Wiener Autorin ab 19.30 Uhr im Bessunger Buchladen liest.
Für einen „Cocktail Macabre“ mixten die der Schwarzen Szene verbundenen Christel Scher, Markus Heitz und Daeny Levi düstere Geschichten zusammen. Dunkle Gestalten mit Vorlieben für nebelumwaberte Schauplätze können Kostproben aus der Anthologie ab 20 Uhr im Künstlerkeller im Schloss lauschen.
„Lese lieber ungewöhnlich“ empfehlen Klaus Lavies vom Theater im Pädagog (TiP) und seine poetischen Mitstreiter Michael Stöcker und Michael Lang und gehen ab 20 Uhr im TiP mit ihrer musikalischen Lesung mit Lach- und Krachgeschichten zum Thema „Pop und Poesie“ mit gutem Beispiel voran.
Montag, 20. Oktober
„Die Nulllinie“, der unmittelbare Frontverlauf, ist für den jungen Freiwilligen Koń aus Kiew immer in Sicht- oder Hörweite. Von der ständigen Gefahr lenken die kreisenden Gedanken um die Freundin, den Großvater mit Weltkriegserfahrung und an die Folgen nach dem Ende des aktuell größten europäischen Waffengangs ab. Aus seinem „Roman aus dem Krieg“ liest Szczepan Twardoch ab 19 Uhr auf Einladung des Deutsch Polen-Instituts im Schlösschen im Prinz-Emil-Garten.
Die „Italienische Reise“ ist eine der frühesten und bekanntesten Zeugnisse deutschen Tourismus. Für seine berühmten Berichte musste Johann Wolfgang von Goethe noch auf anderen Stradas kutschieren, aber adelige Häuser boten dem Gast, der extra die Alpen überquerte, schon damals eine feine Küche. Zu einer kulinarischen Lesung ab 19 Uhr laden Laura Melara-Dürbeck und die Dante-Aligheri-Gesellschaft in das Literaturhaus ein und versprechen inspirierende Rezepte entlang der Reiseroute.
Dienstag, 21. Oktober
Aus der Zeit der eigenen Obdachlosigkeit hat Dominic Bloh immer noch „Die Straße im Kopf“. Seinen Bestseller nutzt er nicht nur, um auf seine Erfahrungen aufmerksam zu machen, sondern auch auf die Ausgrenzung, die verarmte Mitmenschen ohne feste Unterkunft nach wie vor erfahren. Auf Einladung des Bündnisses gegen Rechts liest der engagierte Autor ab 18 Uhr aus seinem Buch und geht im Gespräch mit Antje Herden im Hoffart Theater auch auf aktuelle Fragen ein.
„Überall Blüten“, stellt Blumenhändlerin Marie kopfschüttelnd fest und betrachtet dabei nicht nur die sie umgebenden Pflanzen. Von welchen bunten Auswüchsen ihrer umtriebigen Kundschaft die Quereinsteigerin in Mitleidenschaft genommen wird, erzählt Jutta Janzen in ihrem Roman – und ab 19 Uhr im Restaurant Rosengarten.
St. Petersburg ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Melting Pot des russischen Adels und ihm anverwandter Häuser. Für die neu zugezogene „Anna Karenina“ der Ort, an dem eine gefährliche Liebschaft beginnt, die Leo Tolstoi mit der Geschichte dreier Familien verstrickte. In einer abendfüllenden Kurzfassung bringt Hörbuch-Interpretin und Verlegerin Meike Rötzer zusammen mit dem Pianisten Andreas Skouras das große Romanepos ab 19 Uhr im Literaturhaus auf die Bühne.
„Stars“ verhelfen der exmatrikulierten Jobberin Carla zu einem unverhofften Aufstieg. Nicht nur sie steckt in einer Krise und so finden sich für ihren Astrologieservice reichlich sehnsüchtige Zahlungswillige. Ob die Sterne wirklich den richtigen Weg weisen, erfahren wir im neuen Roman von Katja Kullmann – und vielleicht auch schon ab 19.30 Uhr im Bessunger Buchladen.
Freitag, 24. Oktober
Zum Tag der Offenen Tür und der Bibliotheken laden das Literaturhaus und die in ihm beheimateten Bibliotheken ab 15 Uhr zu einem bunten Fest ein.
Das Neueste von den Neuen präsentiert die neue Moderatorin Johanna Schubert bei der Lichterschlacht und bittet ab 18.30 Uhr den lokalen und regionalen Poetry-Slam-Nachwuchs mit experimentierfreudigen, lustigen wie auch engagierten Texten auf die Bühne der Centralstation.
Sonntag, 26. Oktober
„35 Schwarz, nichts geht mehr – ein Höllenritt“, heißt das Erstlingswerk von Patrick Schulte, in dem es um das Thema Spielsucht geht und das der Mühltaler Autor um 17 Uhr im Restaurant Vanille am Bahnhof Traisa vorstellt. Lesen wir Schulte zudem aus „Der Tower“ von Bestsellerautor Ivar Leon Menger, der sein Mentor ist und der das Cover von „35 Schwarz …“ gestaltet hat.
Mit „Westend“ beschließt Volker Kutscher seine auch international erfolgreiche Reihe um Kriminalkommissar Gereon Rath. Dieser ist 1973 schon längst außer Diensten, als ihn die Vergangenheit einholt. Kongenial illustriert wurde der Band erneut von der Illustratorin Kat Menschik, die gemeinsam mit dem Autor ab 20 Uhr in der Stadtkirche Babylon Berlin wiederauferstehen lässt.
Dienstag, 28. Oktober
Der „Verfall einer Familie“, literarisch leicht verfremdet sogar der eigenen, sollte den Weltruhm von Thomas Mann einleiten und so der einstigen Kaufmannssippe neues Ansehen verschaffen. Aus den Generationen verbindenden „Buddenbrooks“ liest im Literaturhaus ab 19 Uhr die Schauspielerin Karin Klein, Texterläuterungen zu dem Jahrhundertroman besorgt im Gespräch mit Ulrich Sonnenschein der Verleger Sebastion Guggolz.
Mittwoch, 29. Oktober
„Himmel ohne Ende“ erblickt die fünfzehnjährige Charlie, denn ihre Mutter hat einen neuen Mann, ihr Schwarm verknallt sich in ihre beste Freundin und auch sonst passiert in einem Jahr viel. Ihren Debütroman über die verwirrend chaotische Pubertät stellt Julia Engelmann auf von der Büchergilde-Buchhandlung am Markt und vom Bessunger Buchladen präsentierten Lesung ab 19.30 Uhr im Saal der Goldenen Krone vor.
Donnerstag, 30. Oktober
Ein Jahr ohne Sommer, eine Reise in das verdunkelte Europa und die im Freundeskreis erzählten Schauergeschichten inspirierten die junge Mary Shelley zu „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, dessen künstlich erschaffenem Monster in diesen Tagen wieder öfter zu begegnen ist. Das Team der Luise-Büchner-Bibliothek im Literaturhaus liest ab 18 Uhr aus diesem Klassiker der Frauen-, Brief- und Horrorliteratur von 1818.
Der Rolle der Lüge in Alltag und Literatur ist die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewidmet. Zur Eröffnung in der Centralstation kommen ab 18.30 Uhr Sprach- und Literaturwissenschaftler, Lyriker, Journalistinnen und Schriftstellerinnen zusammen, um auf zwei Podien zum diesjährigen Thema zu diskutieren. Im Anschluss an die Begrüßung durch den Autoren und Präsidenten Ingo Schulze versucht Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein die Frage „Wie viel Lüge braucht der Mensch?“ zu beantworten. In der ersten Gesprächsrunde erläutern Ann-Katrin Müller, Andreas Gardt und Heinrich Detering in Bezug auf Ludwig Wittgenstein, was „Gegen die Verhexung unseres Verstandes“ zu unternehmen sei. Wie wahr Karl Kraus‘ Behauptung „Die wahren Wahrheiten sind die, die man erfinden kann.“ ist, erläutern anschließend Daniela Strigl, Felicitas Hoppe, Judith Schalansky und Uwe Timm.
„Man müsste versuchen, glücklich zu sein“, empfehlen sich die aufgelösten Schwestern im von den Eltern verlassenen Haus. Uneinig, wie mit dem Erbe umzugehen ist, entdecken sie Erinnerungen an eine turbulente Kindheit zwischen Alt-Hippietum und früher Verantwortung. Aus ihrem tragikomischen Roman liest die Frankfurter Autorin Julia Holbe ab 19.30 Uhr im Bessunger Buchladen.
Freitag, 31. Oktober
Auf „Unsere Lieblingsbücher“ konnten sich die Sortimenterinnen der Büchergilde vorab schon einigen, zur auserlesenen Herbstlektüre bei kleinen Snacks und flackernden Kerzen verlockt Schauspieler Harald Schneider ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung am Markt.







